Jänner 2021

Heimarbeit 2.0

Wer immer konnte, hat die letzten Monate seine privaten vier Wände für die Erwerbstätigkeit kaum verlassen. Die Unternehmen schickten ihre Mitarbeiter scharenweise ins Home-Office. Damit wird das eigene Zuhause plötzlich zum Arbeitsplatz. Das hat Vorteile – und Tücken. Zeit, die Argumente auszuloten

Dass die Firmen ihre Büroangestellten zum Arbeiten angesichts von Infektionsgeschehen nach Hause schicken, halten viele Menschen für einen Fortschritt. Ihre Stimmen werden zunehmend lauter, dass diese private Komfortzone auch nach der aktuellen Pandemie doch bitte beibehalten werden sollte. An die Politik wird die Forderung gestellt, am besten mit einem Gesetz das Recht auf Home-Office dauerhaft zu regeln. Vergessen scheint dabei allerdings, dass es doch gerade die Gesetzeshüter waren, die jahrzehntelang den Kampf gegen die Heimarbeit – aus gutem Grund – geführt haben. Literarisch wurde das Thema der prekären Verhältnissen im 18. Jahrhundert von Gerhart Hauptmann behandelt. Sein nach vorangegangenem Verbot 1894 uraufgeführtes soziales Drama „die Weber“ ist inspiriert vom Aufstand schlesischer Handwerker, die unter elenden Arbeitsbedingungen und abgespeist mit Hungerlöhnen daheim Textilien für ihre kapitalistischen Auftraggeber fertigten. Alle Familienmitglieder waren unabhängig von Alter und Geschlecht gefordert, das lebensnotwendige Soll gemeinsam als Solidargemeinschaft zu erfüllen. Sicher und dank auch der revolutionären Umbrüche durch Gewerkschaftler und Sozialreformer sind heutige heimische Tätigkeiten von Sachbearbeitern, Managern und Freiberuflern am Schreibtisch nicht mit den unwürdigen Zuständen in den damaligen Weberstuben von damals zu vergleichen. Ihre Berufstätigkeit ist im Allgemeinen gut geschützt und der Lohn tariflich oder gar darüber hinaus gut geregelt.

Trotzdem tun wir alle gemeinsam gut daran, bei der Forderung nach dem Recht auf den Arbeitsplatz zu Hause die damaligen Klassenkämpfe nicht zu vergessen. Denn gerade der mühsam errungenen Trennung von beruflicher Tätigkeit und Privatleben hat zu vielen sozialen Errungenschaften geführt, die wir heute nur allzu selbstverständlich hinnehmen. Genügend Freizeit, gesundheitliche Standards und sogar nicht zuletzt die freie Partnerschaftswahl waren erst möglich, als die Industrialisierung Arbeitsstätte und Wohnraum trennte. Die wirtschaftliche Notwendigkeit der Zwangsgemeinschaft unter einem Dach wich dem biedermeierschen Modell, bei dem die Berufstätigkeit außerhalb der eigenen vier W.nde in Kontoren und Werkshallen stattfand. Löhne, die der Produktivität entsprachen, wurden fest verhandelt und das Auskommen des Haushalts war endlich eine feste Größe, mit der sich ein bürgerliches Leben planen ließ. Im Übrigen stieg die Produktivität enorm durch die Bündelung von „humanitären Ressourcen“ an einem Wirkungsort.

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