Foto: Bulthaup

Jänner 2021

Eine Küche zum Wohnen

In der modernen Architektur sind Küche, Ess- und Wohnraum räumlich längst zu einer Einheit verschmolzen. Damit dies auch optisch gelingt, werden Küchenmöbel immer wohnlicher – Und mit ihrer Präzision inzwischen auch als Einrichtungselemente außerhalb des Kochradius attraktiv.

Werfen wir zunächst einen Blick zurück. Es ist noch gar nicht so lange her, da war das Ziel eines guten Architekten, möglichst wenig Raum für die Küche einzuplanen. Das dafür vorgesehene Zimmer glich oftmals eher einer Kammer, ganz in der Tradition der sogenannten „Frankfurter Küche“, eine Entwicklung der Wiener Architektin Margarete Schütte-Lihotzky aus den Zwanzigerjahren des letzten Jahrhunderts. Sie gehörte zu den ersten Frauen in Österreich, die Architektur studieren durften und durch ihren Lehrer an der Kunstgewerbeschule Oskar Strnad, der sich mit dem damalig noch neuen Siedlungsbau beschäftigte. Durch Strnad erhielt Margarete Schütte-Lihotzky auch Kontakt zu Ernst May, der ihr als Leiter des Frankfurter Hochbauamtes den Auftrag zur Entwicklung einer standardisierten Einbauküche erteilte. Inspiriert von einer Speisewagenkombüse entwickelte die Architektin ein Konzept, das in den folgenden Jahrzehnten Schule machen sollte. Küchen waren seit dieser bahnbrechenden Idee für lange Zeit ausschlie.lich auf Funktionalität ausgerichtet. Der gedankliche Ansatz stammte aus den USA, wo der Taylorismus – ein im Zuge der Industrialisierung entwickeltes Prinzip zur Prozesssteuerung von Arbeitsabläufen – eben auch die Rationalisierung der Haus- und Küchenarbeit vorsah. Dank Verkleinerung des Radius wurden die Wege minimiert und die Effizienz für eine kürzere Verweildauer gesteigert. Der Nachteil lag in eben genau dieser Reduzierung von Quadratmetern. Denn der Raum war tatsächlich einer Person – genauer gesagt der Hausfrau – vorbehalten. Die konnte und sollte hier ohne Störung  schalten und walten, um dann wie von Zauberhand die zubereiteten Mahlzeiten auf den gedeckten Tisch zu bringen. An dem sich zwischenzeitlich der Rest der Familie sowie auch Gäste zum munteren Gespräch versammelt hatten. Anders als in den vorindustriellen Zeiten war hier nicht die Küche der Ort, an dem alle schon wegen des immer geheizten Ofens zusammenkamen. Diese traditionellen Wohnküchen erlebten erst Anfang der 1980er Jahre ein Revival, als im Zuge des mediterranen Landhausstils Koch- und Essplatz zugunsten eines kommunikativ offenen Raumkonzepts wieder zueinanderfanden.

DIE RÜCKKEHR ZUR MEHR GESELLIGKEIT

Einbauküchen, die zumeist aus funktional gestalteten Unterund Oberschranken ohne Hang zur Zierde bestanden, mussten jetzt einzelnen Modulen weichen, bei denen oft ein kapitaler Gasherd den Mittelpunkt einnahm. Wände fielen, um Küche und Esszimmer miteinander zu verbinden und Platz für einen großen Refektoriumstisch zu schaffen. Ansonsten präsentierte sich die  Möblierung quasi als Gegenentwurf zur vormals, und nach wie vor verbreiteten, Systemküche höchst individuell. Zweckentfremdung war oftmals das Gebot der Stunde und für die maximal wohnliche Atmosphäre zogen kurzerhand Schränke, Regale und Konsolen in den Küchenkosmos ein, um die allzu aalglatte Optik zu brechen und die Improvisation zum Prinzip zu erheben. Und was anfangs nur ein Trend für wenige war, erreichte nach und nach ein größeres Publikum und wurde von der Industrie wie viele avantgardistischen Strömungen bald okkupiert. Warum sich mit Provisorien begnügen, wenn man Möbel doch eigens für den Zweck herstellen kann?, lautete die Devise. Und tatsächlich haben solche behelfsmäßigen Einrichtungen auch ihre Schwächen. Aufgrund nicht durchlaufender Arbeitsplatten entstehen ungeliebte Nischen und Ritzen, die schnell verschmutzen und schlecht zu reinigen sind. Und gerade nicht standardisierte Grundrisse lassen sich nur schwierig optimal nutzen, ungenutzte Flächen sind die Folge. Abhilfe schaffen modulare Elemente, die zwar serienmäßig zusammengehören  und sich ergänzen, aber eben individuell konfigurierbar sind. Aufgrund ihrer Selbstständigkeit können sie auch jeweils solo im Raum bestehen und manchmal sogar dank mobiler Rollen statt Füßen den Standort wechseln. Die Entwicklung cleverer Systeme wurde mit der Zeit so perfektioniert, dass eine komplette Synthese aus Funktionalität und Wohnlichkeit entstanden ist. Und damit der Expansion in den Wohnraum nichts mehr im Weg steht ...

 

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