Foto: NV Gallery

Mai 2021

Comeback der 70er

Die grassierende Pandemie bezeichnen viele als Zeitmaschine, die uns in die Zukunft katapultiert. Das Zuhause allerdings wird aktuell von einer Nostalgiewelle überrollt. Aber auch die erweist sich bei näherer Betrachtung als erstaunlich fortschrittlich.

Zurück in die Zukunft? Auf die Idee einer Reise in die Vergangenheit könnte man dieser Tage kommen, wenn man die neuen Entwürfe der Möbeldesigner betrachtet. Denn die organisch geformten Silhouetten und die kontrastreiche Farbigkeit mit einer sichtbaren Vorliebe für Orange, Grün und Brauntöne muten wie Settings aus den Siebzigern an. Zumindest all jene, die diese Dekade erlebt haben, beschleicht beim Anblick ein mindestens zwiespältiges Gefühl. Auf der einen Seite vielleicht ein Unbehagen, dass man nun selbst schon so alt geworden ist, dass die selbst erlebte Jugend jetzt endgültig „retro“ ist. Bis hierher hat man doch nur ¬– zumindest was das Wohnen angeht ¬– die Renaissance von Stilen und Trends gefeiert, die weit jenseits des eigenen Geburtsdatums lagen und die damit auch eine gewisse ehrfürchtige Distanziertheit ausstrahlten.

Aber, abgesehen von den Spätgeborenen, die diesen Zwiespalt mangels früherer Erfahrung erst gar nicht erleben – auf der anderen Seite herrscht bei den Betroffenen auch echte Wiedersehensfreude. Schließlich verbinden die meisten von uns mit dieser Epoche auch eine unbeschwerte – wenn nicht sogar die unbeschwerteste Zeit ihres Lebens. Und das hängt nur zum Teil mit dem vermutlich mehr oder weniger jugendlichen Alter zusammen. Die Siebzigerjahre waren schließlich auch ein Jahrzehnt der gesellschaftlichen Erneuerung und der endgültigen Ablösung von der Nachkriegszeit. Die Wirtschaftswunderjahre haben den Grundstein dafür gelegt, dass es der breiten Bevölkerung wirtschaftlich besser ging und man sich etwas leisten konnte. Und so kommt den Siebzigerjahren auch hinsichtlich der Entwicklung des Tourismus eine wichtige Rolle zu. Man mag es kaum glauben, aber erst seit Mitte des Jahrzehnts gönnte sich die Mehrheit der westdeutschen Bevölkerung regelmäßig eine jährliche Urlaubsreise. Die Flugpauschalreise hatte in dieser Zeit genau wie der massenhafte Aufbruch in mediterrane Gefilde ihren gesamtgesellschaftlichen Ursprung. Denn auch wenn die medial stark orchestrierte Italienwelle in die vorangegangenen Fünfziger- und Sechzigerjahre verortet wird, so verbrachte der Großteil der Sommerfrischler bis dato doch seine Ferien in wohlbekannten Gefilden im Inland. Und trotz Abflauen der Boomjahre, Ölkrise und manch politischer Verwerfungen ließ man sich die Freude am Erkunden fremder Kulturen nicht nehmen. Mitgebracht wurden aus dem Urlaub in Spanien, Italien und Griechenland schließlich nicht nur tiefe Sonnenbräune und Strohhüte, sondern auch nachhaltige Eindrücke verbunden mit tiefen Einblicken in das lässige Lebensgefühl der Südländer rings ums Mittelmeer. Vergleiche wurden gezogen und spätestens jetzt erschien die Nierentisch-Kulisse und der röhrende Hirsch an der Wand endgültig engstirnig rückschrittlich, bieder und kleinbürgerlich.

Fotos: Rue Cambon, Mike Karlsson Lundgren

Nicht zufällig viel auch die Eröffnung der ersten deutschen Ikea-Filiale in die erste Hälfte der Siebzigerjahre. 1974 machte das schwedische Möbelhaus in München seine Pforten auf und veränderte mit seinem durch und durch individualistischen Konzept für immer das Wohnen – weltweit. Und andere zogen nach. In der alle zwei Jahre erschienenen „Wohnfibel“ der Arbeitsgemeinschaft Wohnzirkel Detmold klang das dann so: „Es gab Zeiten, da standen Sofa, Sessel und Tisch vom Tag der Anschaffung bis zum Lebensende des Besitzers unverrückbar an derselben Stelle im Wohnraum. Das lag nicht nur am Gewicht der Möbel, sondern vielmehr an der Wohnauffassung dieser Leute. Man war der Meinung, Wohnen sei eine „ernste“ Sache. Heute haben viele Menschen eine andere Auffassung vom Leben: Vom statischen Denken gelangen wir mehr und mehr zum Mobilen. Der statische Wohnraum verwandelt sich in einen Mobilen.“ Wenn man es nicht besser wüsste, könnte diese Definition hochaktuell, und nicht fast fünfzig Jahre alt sein. Und vielleicht hat es ja mit dem Gefühl „früher war alles besser“, das einen dieser Tage angesichts von pandemischer Gemengelage plus „Friday for Future“-Revolten des Öfteren beschleichen kann, zu tun, dass ausgerechnet die Dekade ein Comeback feiert, die mehr als jede zuvor Freiheit und unkonventionelle Lebensweise für sich reklamiert.

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