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Februar 2019

Ich leide an einer Überdosis meiner selbst

Als Urgestein des Pariser Chic, hat Karl "der Große" Lagerfeld die Welt der Mode mehr als fünf Jahrzehnte lang als ihr unangefochtener König beherrscht. Er war der unermüdliche Marathonläufer der Fashionwelt, ihr Tausendsassa und ihr wohl populärstes bzw. ikonischstes Gesicht. Nach seinem Tod hinterlässt er seinen Fans Traumkreationen - und bleibt in Erinnerung als Idealbild einer Stilikone, die ihresgleichen sucht. Le roi est mort, vive le roi!

© Francesco Scavullo

© Vogue

Wann Karl Otto Lagerfeld genau geboren wurde, war lange Zeit unklar. Der Meister selbst, den die Zeitschrift "L'Express" als den "letzten Dandy von Paris" bezeichnete, schwankte immer wieder zwischen 1935 und 1938. Irgendwann bestand er auf dem Jahr 1935. Eine Kopie seiner Geburtsanzeige belegt allerdings, dass er am 10. September 1933 geboren wurde. Demnach war Lagerfeld zum Zeitpunkt seines Todes 85 Jahre.

Ursprünglich stammte der Wahlpariser aus Hamburg: Sein Vater Otto Lagerfeld war ein wohlhabender Dosenmilchfabrikant, seine Mutter Elisabeth eine Landratstochter aus dem Münsterland. Zeitweise lebte die Familie in Bad Bramstedt, wo der Vater in den 1930er Jahren das Gut Bissenmoor erworben hatte. Lagerfelds künstlerische Begabung wurde von seiner Mutter gefördert - sie war es auch, die ihm riet, als junger Mann in die Modemetropole Paris auszuwandern. Mitte der 1950er Jahre gewann Lagerfeld hier dann einen Preis im Wettbewerb des Internationalen Wollsekretariats (IWS) für ein Mantelmodell - und konnte damit seine erste Stelle bei Pierre Balmain einheimsen. Es dauerte nicht lange, bis er für verschiedene Modemarken tätig war und große Couture-Häuser wie Balmain, Patou, Chloé oder Fendi zu bisher nicht gekannten Erfolgen führte. Der mit ihm befreundete Yves Saint Laurent wurde so in den 1970er Jahren sein größter Konkurrent - doch während der geniale Saint Laurent schon den Zenit seiner Karriere überschritten hatte, begann Lagerfelds rasanter Aufstieg erst!

Seit 1983 fungierte der Designer als Kreativdirektor des Modehauses Chanel. Die Umgestaltung der Traditionsmarke zu einem modernen Luxuslabel geriet dem Deutschen zu einem Meisterstück, er erfand die Codes der Marke von Gabrielle Chanel neu: die typische Jacke, das Chanel-Kostüm, das kleine Schwarze, kostbare Tweeds, zweifarbige Schuhe, gesteppte Handtaschen, Perlen und Modeschmuck. Über Gabrielle Chanel sagte er: „Meine Aufgabe besteht nicht darin, das zu tun, was sie getan hat, sondern das zu tun, was sie tun würde. Das Gute an Chanel ist, dass man sich an viele Dinge anpassen kann“. Er sorgte bis zuletzt für traumhafte Umsatzzahlen.

Alain Wertheimer, CEO von Chanel, sagt: "Dank seines kreativen Genies, seiner Großzügigkeit und seiner außergewöhnlichen Intuition war Karl Lagerfeld seiner Zeit voraus, was zum Erfolg der Marke Chanel auf der ganzen Welt beigetragen hat. Heute habe ich nicht nur einen Freund verloren, sondern auch einen außergewöhnlich kreativen Menschen, dem ich Anfang der achtziger Jahre die „Carte Blanche“ gegeben habe, um die Marke neu zu erfinden." 

Bruno Pavlovsky, Modepräsident von Chanel, füg hinzu: "Durch jede seiner Modenschauen, durch jede seiner Kollektionen nährte Karl Lagerfeld die Legende und Geschichte von Gabrielle Chanel und die des Hauses Chanel. Unermüdlich förderte er das Talent und die Expertise der Ateliers und Handwerkshäuser, die dieses außergewöhnliche Know-how in die ganze Welt trugen. Der größte Tribut, den wir heute zahlen können, ist, seinem Weg weiterhin zu folgen. Um Karl zu zitieren - „Die Gegenwart weiter umarmen und die Zukunft erfinden“. 

Lagerfelds unermüdlicher Gestaltungswille beschränkte sich hierbei nicht nur auf die Haute-Couture. 2004 etwa sorgte er für großes Aufsehen mit seiner Ankündigung, kostengünstige Mode für den schwedischen Mode-Discounter H&M zu entwerfen, die von seinem typischen Stil geprägt war: Viel schwarz, klassische Schnitte und ein Hauch Chanel! Innerhalb von nur einer Stunde war die Kollektion damals ausverkauft, vor und in den Geschäften spielten sich Szenen ab, die nur noch vom Black Friday getoppt werden können. Lagerfeld war der erste Design-Kooperationspartner, seinem Vorbild folgten in den kommenden Jahren unter anderem Roberto Cavalli, Jimmy Choo, Stella McCartney und Versace.

Die Ideen gingen Lagerfeld nie aus, ebenso wenig wie die Energie. Neben seiner Tätigkeit in der Modebranche verfolgte der Wahlfranzose stets zahlreiche weitere Projekte, zeichnete Karikaturen, fotografierte, designte Inneneinrichtungen und gab sogar eine Zeitung heraus: "Karl Daily". Lagerfeld war nicht nur ein Stardesigner, er war der letzte echte Pariser Modezar. Sein größter Coup jedoch war die Umgestaltung der eigenen Person zu einer Art Gesamtkunstwerk: Mit Sonnenbrille, weißgepudertem Zopf, dunkler Krawatte und dem typischen hohen "Vatermörderkragen" schuf er sich ein ikonisches Äußeres, das weltweit erkannt wurde - sowohl von Fashionfans als auch den Normalbürgern. Diese maskenhafte Montur bot Lagerfeld zugleich auch eine undurchdringliche Fassade, ein Schutzschild hinter dem er sich verstecken konnte. Da er ein selbstironischer Mensch war, spottete er selbst gerne über seine eigene Erscheinung. 

Auch wenn Lagerfeld öffentlich immer wieder im Mittelpunkt stand und sich als "egoistisch" bezeichnete, wirkte er trotz des extravaganten Auftretens nie egozentrisch. Wer das Glück hatte, ihm persönlich zu begegnen, erlebte einen aufgeschlossenen Menschen, der Tageszeitungen konsumierte wie andere Zigaretten und stets ausgezeichnet über das aktuelle Geschehen unterrichtet war. Zudem besaß Lagerfeld etwa 300.000 Bücher und konnte trotz der Menge aus dem Kopf sagen, ob er einen bestimmten Titel schon besaß oder nicht. "Stets dem Leben zugewandt" schien seine Devise zu sein! Seine Abneigung, nostalgisch nach hinten zu schauen, verriet auch im Alter den gebürtigen Hanseaten, der zupackt und jede Art von Jammern verabscheut. Eine gute Umgebung von Leuten, die nicht über Krankheit und über das Altern sprechen, sei wichtig. Er kenne niemanden aus seiner Generation und finde diese Leute entsetzlich. Eine starke Aussage von einem Menschen, der für seine oft kontroversen Zitate, kokett als "Karlismen" bezeichnet, berühmt-berüchtigt war - Heidi Klum kann hiervon ein Lied singen... 

Lagerfeld arbeitete immer mit eiserner Disziplin, sah seine Tätigkeit jedoch nicht als Pflicht, sondern als Spaß an. Über seine Ausbildung sagte er: "Ich habe ja im Grunde nie etwas gelernt. Ich habe nicht einmal Abitur gemacht und nix." Der Fabrikantensohn wollte selbst nie ein eigenes Unternehmen besitzen, er fürchtete, dadurch in seiner Freiheit zu sehr eingeschränkt zu werden. Diese Freiheit nutzte er für einen wohl kaum zu überbietenden schöpferischen Output - auch im Alter behielt er sein untrügliches Gespür für die kommenden Trends, die angesagteste Musik oder die neueste Technik. Mit seinen "seismographischen" Fähigkeiten entdeckte er künftige Topmodels, machte Claudia Schiffer und später seine männliche Muse Baptiste Giabiconi zu Stars. Sogar seinem Haustier verhalf er zu Weltruhm: Lagerfelds Katze Choupette warb für Autos und Kosmetik und hatte über 49.000 Follower auf Twitter!

Zuletzt fehlte der Stardesigner auf der Chanel-Show in Paris. Statt wie üblich am Ende der Schau aufzutreten und sich für seine Kreationen feiern zu lassen, hieß es von Chanel im Januar, Lagerfeld habe sich müde gefühlt - eine traurige Premiere und vielleicht sogar ein erstes Warnzeichen für die Dinge, die noch kommen sollten. Bereits bei der Show im Herbst gab es Spekulationen: Lagerfeld blieb damals außergewöhnlich lange auf dem Laufsteg, um den Applaus entgegenzunehmen. Ausnahmsweise war auch die Wertheimer-Familie gekommen, die Eigentümer von Chanel, um dem Chefdesigner zu gratulieren. Einige werteten dies als den gebührenden Abschied des Modezars. 

Man kann sicher sein, dass Choupette auch nach Lagerfelds Tod gut versorgt sein wird. Auch langjährige Mitarbeiter wollte Lagerfeld in seinem Nachlass bedacht haben. Niemand, der über Jahre für ihn tätig sei, solle je wieder mit einem anderen arbeiten müssen, sagte er in einem Interview. Der Wahlpariser hinterlässt ein milliardenschweres Modeerbe. Virginie Viard, Direktorin des Fashion Creative Studios von Chanel und eine seiner engsten Mitarbeiterinnen seit über 30 Jahren, wurde von Alain Wertheimer mit der kreativen Arbeit an den Kollektionen beauftragt, so dass das Erbe von Gabrielle Chanel und Karl Lagerfeld weiterleben kann. 

In der Mode hinterlässt Lagerfeld eine kaum zu füllende Lücke. Denn ein Paris ohne Kaiser Karl kann - und mag - man sich kaum vorstellen! 

www.karl.com

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