• Foto: Lisa Klappe

     

  • Verspielt und vielseitig: Die „Folia Lumina“ kommt mit Blättern zum Anstecken, Drehen und Verschieben. Sie werden von unten durch ein im Topf verstecktes LED-Licht beleuchtet, wie geheimnisvoll durchglühte Pflanzenteile – bei unendlichen Möglichkeiten zum Regeln der Helligkeit und der Lichtreflektionen im Raum.

     

  • Ob über Wände, Decken oder Balken, der „Light Forrest“ wächst, wo man will. Organische Biegsamkeit trifft hier auf konstruktivistische Strenge.

     

  • „Cageling“ ist Aussichts- und Rückzugsort, geeignet für drinnen und draußen.

     

  • Zwei in einem: Die Kerze „Tallow“ bringt ihren Halter gleich mit.

     

  • Perfekt fürs Kinderzimmer: Wenns finster wird, überzieht die „Loena Lantern“ ein leuchtendes blaues Muster.

     

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#4 Dezember 2014

DER MACHER UND DIE TRÄUMERIN

Gegensätze ziehen sich an. Tineke Beunders und Nathan Wierink haben diese simple Formel zu ihrer Maxime erhoben – und leben sie konsequent. Sie ist Fantastin, er Realist. Er fängt, was sie aufwirft, rückt gerade, was sie in den Raum stellt. Und falls sie mal abhebt, holt er sie auf den Boden der Tatsachen zurück. Gemeinsam sind sie Ontwerpduo und zählen zu den spannendsten Vertretern der jüngeren holländischen Designergeneration. Dass sie miteinander können – beruflich wie privat –, entdeckten die beiden schon während ihres Studiums an der Design Academy Eindhoven. Noch vor ihrem Abschluss 2008 taten sie sich zu Ontwerpduo zusammen und realisierten erste gemeinsame Projekte. In Eindhoven im Süden der Niederlande leben sie heute noch, inzwischen mit zwei gemeinsamen Kindern. 

Ins Deutsche übersetzt steht das niederländische „Ontwerp“ übrigens schlicht für „Entwurf“. Aufschlussreicher ist der Beisatz, den die Designer ihrem Namen angehängt haben: „Impossible things before breakfast“. Wer den Schriftsteller Lewis Carroll gelesen hat, erkennt das Zitat vielleicht wieder. Es entstammt dessen Kinderbuchklassiker „Alice hinter den Spiegeln“, genauer: einem berühmt gewordenen Dialog zwischen Alice und der Weißen Königin. Auf Alices Behauptung, es wäre unmöglich, die Zeit rückwärts zu durchlaufen, entgegnet die Königin, an Unmögliches zu glauben, sei reine Übungssache. Sie selbst habe einst bereits vor dem Frühstück bis zu sechs unmögliche Dinge geglaubt. 

Für Tineke Beunders ist dieser Ausspruch Programm. Sie liebt es, ohne gedankliche Handbremse über neue Gegenstände zu fantasieren. Ob diese praktischen Nutzen haben oder technisch machbar sind, wird dabei vorerst ausgeklammert. Alles ist erlaubt, das Unmögliche eingeschlossen. Erst dann kommt Nathan Wierink ins Spiel. Seine Werkstatt, erzählen die Designer, „sieht aus wie ein Labor“. Hier tüftelt er über Funktionen, Prozesse und Materialien, die geeignet sind, die Visionen seiner Partnerin in Produkte umzusetzen, die sich reproduzieren und schließlich auch verkaufen lassen. Was am Ende dabei herauskommt, trägt alle guten Eigenschaften niederländischen Designs: sauber, humorvoll und funktional – ohne jedoch den Zauber zu verleugnen, der dem Kern der Sache zugrunde liegt.

Die erst im Oktober präsentierte „Loena Lantern“ liefert ein gutes Beispiel für diese Entwurfspraxis. Auf den ersten Blick eine schlichte Lampe aus Papier in zwei zylinderförmigen Varianten – formal gelungen, wenn auch nicht wirklich außergewöhnlich. Das ändert sich, sobald es draußen dunkel wird. Dann überzieht ein feines, bläulich schimmerndes Muster den Schirm, das bis zu acht Stunden lang sichtbar bleibt. Was tagsüber nicht erkennbar ist: Das Papier ist mit lumineszierender Tinte bedruckt, die UV-Strahlung speichert und schließlich wieder abgibt. Womit Nathan genau das umzusetzen gelang, was Tineke ursprünglich vorgeschwebt war: „Ein Licht an dunklen Orten, wenn alle anderen Lichter ausgehen.“ Hier wird nicht wieder Carroll zitiert, sondern der Schriftsteller J.R.R. Tolkien. Der legendäre „Herr der Ringe“-Spruch passt so gut, dass man ihn inzwischen auch zur Bewerbung der Lampe einsetzt.

Überhaupt sind Beleuchtung und Licht ein großes Thema in der Arbeit der Designer. Was möglicherweise auch daran liegt, dass sie ihren ersten großen Verkaufserfolg ausgerechnet einer Kerze verdanken. Das Objekt gilt nicht gerade als Spielwiese für gestalterische Experimente, was diese Leistung nur umso erstaunlicher macht. Sie gelang mit dem Kunstgriff, Kerze und Halter zu einem einzigen Gegenstand zusammenzufügen. Das ist nicht nur praktisch, sondern sieht auch witzig aus. Die in zahlreichen Farben erhältliche „Tallow“ wird per Hand in der eigenen Werkstatt hergestellt. Bei einigen tausend Exemplaren pro Jahr sei das auch handwerklich eine Herausforderung: „Wir sind ein Designbüro und keine Fabrik“, stellt Tineke klar. Daher bemühen sie sich, die Produktion ihrer Objekte mehr und mehr auszulagern. „Manchmal sind Hersteller mit unseren Entwürfen allerdings auch überfordert. Dann müssen wir eben selbst ran.“ Ob so oder so, am Ende tragen alle Stücke das Gütesiegel „Made in the Netherlands“. 

Zwei in einem: Die Kerze „Tallow“ bringt ihren Halter gleich mit.

Perfekt fürs Kinderzimmer: Wenns finster wird, überzieht die „Loena Lantern“ ein leuchtendes blaues Muster.

Ein interessantes Konzept steckt hinter der Leuchtenserie „Light Forrest“. Unbeirrt von Hindernissen wie Vorsprüngen oder Balken klettern Röhren aus Metall die Wände entlang, glockenförmige Schirme aus dem Trendmaterial Kupfer bringen Licht in jedes Eck. Das System wird jeweils maßgefertigt, mal ordentlich und geometrisch, mal wild ineinander verschlungen. Zum Einsatz kommt es vor allem in Hotels, Restaurants und Büros. Privat und intim präsentiert sich hingegen die „Folia Lumia“, eine verspielte Lampe in Blumenoptik. Die Lichtquelle sitzt hier in einem Topf aus Keramik, in dem ein Stab aus Buchenholz steckt. Die daran befestigten Blätter lassen sich nach Lust und Laune selbst arrangieren und austauschen. Je nach Höhe und Winkel zum Licht ergeben sich immer wieder wechselnde Stimmungen, Farbspiele und Lichtreflexionen. 

Eines der am meisten beachteten Ontwerpduo-Produkte ist jedoch keine Lampe, sondern – nun ja, was eigentlich? Halb Vogelkäfig, halb Schaukel, nicht mehr Spielzeug und noch nicht ganz Möbel, hat „Cageling“ ein bisschen von allem. Und vermag, was heute nur wenigen Entwürfen beschieden ist: uns zum Staunen zu bringen. Das frei von der Decke hängende Gehäuse ist Rückzugsort mit Ausblick, ein Ort zum Träumen, der dennoch Kontakt mit der Umwelt hält. Keine Zweifel bestehen, was seine dekorativen Qualitäten anbelangt. Den herrlich nostalgischen Charme eines Dachbodenschatzes überführen klare Linien in die Jetztzeit, nordisch, clean und augenzwinkernd. Vielfältig einsetzbar ist „Cageling“ auch noch. Beschichteter Stahl sorgt für Outdoor-Tauglichkeit, die Farbe richtet sich nach Kundenwunsch – nicht weniger als zweihundert Optionen stehen hier zur Verfügung. Angenehmen Sitzkomfort bescheren Kissen aus besticktem Filz.

Spätestens jetzt wird es Zeit für ein paar Worte zu den Bildern, die diesen Beitrag illustrieren. Die Aufnahmen stammen von der ebenfalls in Eindhoven ansässigen Fotokünstlerin Lisa Klappe, mit der Ontwerpduo bereits seit vielen Jahren zusammenarbeitet. Fotografin zu werden, erzählt Tineke, sei ursprünglich auch ihr Wunsch gewesen, gescheitert sei das nur an den technischen Aspekten des Berufs. Das Denken in Bildern ist dennoch immer präsent. Schon beim Entwerfen macht sie sich über die fotografische Inszenierung der Produkte Gedanken, sammelt Requisiten, hält Ausschau nach Locations, Farben und Stimmungen „wie ein Set-Decorator beim Film“. Gemeinsam mit der Fotografin wird all das zu atmosphärisch dichten Bildwelten arrangiert und in stimmigen Aufnahmen eingefangen – weniger im Sinne einer Dokumentation denn als Arbeiten von eigenständiger künstlerischer Qualität. Wozu angemerkt sei: Auch PR-technisch ist das ein durchaus kluger Schachzug. Schließlich sind die Aufnahmen nicht nur schön anzusehen, sondern auch einfach wiedererkennbar. Das Märchen, könnte man sagen, wird hier zur Markenstrategie. 

Wie gehts weiter mit Ontwerpduo? Die Dutch Design Week in Eindhoven haben die beiden gerade hinter sich gebracht, mit neuen Entwürfen darf bald gerechnet werden – Näheres verraten sie allerdings noch nicht. Nur, so viel sagt Tineke, der Botschaft ihrer Romanheldin Alice werden sie dabei in jedem Fall treu bleiben: „Dinge so betrachten, als würde man sie zum ersten Mal sehen. Träumen, denken, erfinden. Vor dem Frühstück ist alles möglich.“

 

ONTWERPDUO

Tineke Beunders (geb. 1982) und Nathan Wierink (geb. 1979) studierten Industrial Design an der Design Academy Eindhofen (NL). Noch bevor beide 2008 „cum laude“ graduierten, gründeten sie ,Ontwerpduo – Impossible things before breakfast‘. Der Schwerpunkt des Labels liegt auf Möbeln, Leuchten und Wohnaccessoires, die sowohl in kleinen, maßgefertigten Serien als auch in höheren Auflagen hergestellt werden. Zudem entwerfen die Designerfür niederländische Hersteller wie Pode (Sofa „Plot“, 2011), Vij5 (Leuchte „Lloop“, 2009) oder Studio ROOF (Textilkollektion, 2011) und werden immer wieder mit Interior-Design-Projekten beauftragt. Bei der bildlichen Inszenierung ihrer Kollektionen arbeiten sie seit Jahren mit der niederländischen Fotografin Lisa Klappe zusammen.

www.ontwerpduo.nl

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Alvar Aalto: Second Nature. Herausgeber: Mateo Kries, Jochen Eisenbrand. Gebundene Ausgabe, 672 Seiten, ca. 500 überwiegend farbige Abbildungen. Verlag: Vitra Design Museum. © vitra.

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