• Tenda

     

  • Benjamin Hubert

    Benjamin Hubert präsentierte die Leuchtenserie „Tenda“ auf dem London Design Festival 2012. www.benjaminhubert.com

     

  • Tischleuchte Container

    Ein ehrliches und prägnantes Produkt, entwickelt fern von Moden und Trends. Tischleuchte „Container“ aus emaillierter Keramik für Ligne Roset. www.ligne-roset.at

     

  • Lounge Chairs Talma

    Die Lounge-Chairs „Talma“ und „Cradle“ sowie die Couchtisch-Serie „Net“ entwarf Hubert für Moroso. www.moroso.it

     

  • Lounge Chair Membrane

    Nicht schwer und klobig, sondern leicht – er wiegt gerade einmal drei Kilo – und transparent: der Lounge-Chair „Membrane“ für ClassiCon. www.classicon.com

     

  • Lounge Chair Membrane

    Nicht schwer und klobig, sondern leicht – er wiegt gerade einmal drei Kilo – und transparent: der Lounge-Chair „Membrane“ für ClassiCon. www.classicon.com

     

# 1/2013 / Oktober

Der Designer des Komparativs

Als Dekorateure möchten sie ja nicht verstanden werden, die Designer. Doch die Designszene selbst, die dekoriert ausgesprochen gerne – herausragende Produkte und herausragende Protagonisten vor allem. Oder auch aufstrebende Talente, jene, die Designerblogs im Netz und glänzende Magazinseiten gern in der Shootingstar-Rubrik verbuchen. Der Brite Benjamin Hubert ist so einer, der gerade überall gleichzeitig aufzutauchen scheint. Bei den renommiertesten Möbelherstellern und immer dann, wenn man Experten nach den maßgeblichen Gestaltern der Zukunft fragt. Zahlreiche Red Dot Design Awards schmücken bereits seine Entwürfe, andere Auszeichnungen seine noch kurze Designkarriere. Im Vorjahr hat ihn Patricia Urquiola für den Audi Mentorpreis nominiert. Auch kein schlechtes Kompliment für jemanden, der im nächsten Jahr erst 30 wird.

Benjamin Hubert selbst ist am allerwenigsten Verschönerer oder Dekorateur. Vielmehr kommt er aus der Liga der Design-Tüftler, der neugierigen Forscher und Entdecker, die Erkenntnisse, Expertisen und vor allem Materialien aus allen möglichen Welten in jene des Design hinüberziehen. Oftmals liegen die Lösungen in Gestaltungsfragen ganz unbemerkt, aber frisch aufbereitet in Industrie- und Produktionszweigen jenseits des Möbelhorizonts. Etwa auch in der Automobilindustrie oder im Flugzeugbau. „Wir bemühen uns in jedem Fall, einen weiten Blickwinkel aufzuziehen“, erzählt Hubert. „Wir schauen in verschiedenste Industriezweige, selbst in die Mode.“ Ihm gefällt es, Kontexte zu verschieben, sagt er. Wie für die Leuchte „Tenda“ etwa (italienisch für „Zelt“). Da verrät schon der Name, dass sich Hubert etwas von Zeltkonstruktionen abgeschaut hat. Dazu hat er Materialeigenschaften aus verschiedenen Bereichen zusammengezogen, besser gesagt: in Ebenen unterschiedlicher Transparenz übereinander gelegt. Ein bisschen Drachenbau, ein bisschen Hightech, „Lycra“-Fasern aus der Sportartikelindustrie und vor allem auch ein Stoff, aus dem man normalerweise Unterwäsche produziert.

Wissensarbeiter. Auf der Liste der vielversprechenden Designer-Talente stand Benjamin Hubert ohnehin schon einige Jahre – vielleicht gerade wegen seines Helikopterblicks, mit dem er Lösungen aufspürt, die plötzlich ganz naheliegend scheinen. Den Überblick will Hubert auch in seinem Londoner Studio nicht verlieren. Schnell ist es gewachsen in letzter Zeit. „Aber mein Büro wird nie zu groß werden. Die ganze Sache soll schließlich noch selbst zu managen sein“, sagt Hubert.

Trotz der vollen Terminkalender sollen sich auch die Prinzipien auf seinem Schreibtisch und in seiner Werkstatt nicht verlieren: „Unsere Projekte fundieren auf der Materialität“. Und auch auf der Maxime, dass das Neue, das Designer auf die Welt bringen, einen Unterschied machen muss – zu allem, was vorher da war. Hubert sucht den Komparativ, die Steigerungsform. „Ein smarteres Produkt, eine bessere Performance, was auch immer“, erzählt Hubert. „Ein Detail oder die Gesamtlösung als riesiger Benefit – jedes Design muss den sinnvollen Schritt weiter machen. Nachhaltiger als zuvor müssen die Dinge sein, flexibler. Oder weniger kosten, Geld und auch Zeit in der Produktion. Neue Designs stehen im Wettbewerb zu allem, was es schon mal gegeben hat.“

Im letzten Jahr dürfte „weniger“ Huberts liebste Steigerungsform gewesen sein. Weniger Material, nämlich Kunststoff-Schaum, der sonst die Stühle polstert, wollte er verwenden. Umso weniger CO2 wird während der Produktion ausgestoßen. Das Ergebnis war der Lounge-Sessel „Talma“, den der Designer für den italienischen Hersteller Moroso entworfen hat. Einem Metallgestell hat er einen elastischen Stoffmantel umgehängt, der beweist, dass Polstermöbel nicht unbedingt Polster brauchen, um bequem zu sein. Das Neue, weiß Hubert, muss auch mit Gewohnheiten brechen. „Manchmal, wenn wir ein neues Textil oder eine neue Struktur entwickeln, braucht der Markt noch etwas Zeit, um es aufzugreifen. Aber das ist ein Kompromiss, den wir gerne eingehen“, so Hubert. Vielleicht sogar der einzige. „Lieber selbst die neue Perspektive einnehmen und warten bis der Markt folgt, als der Perspektive des Marktes zu folgen“.

Der Markt der Möbelhersteller gewinnt durch die Designersicht selbst ganz andere Aussichten: Beim Sessel „Membrane“, den Hubert für ClassiCon entworfen hatte, ging es vor allem um das Thema „Leichtigkeit“. Und das beim Faktor Gewicht genauso wie bei der visuellen Wirkung. Dieser Entwurf, der am diesjährigen Salone del Mobile in Mailand präsentiert wurde, lässt sogar den Komparativ hinter sich. Drei Kilo für einen Lounge-Sessel, das ist nahe am Superlativ. So lässt sich das Möbelstück mit nur einer Hand durch die Gegend tragen, hinaus auf die Terrasse und wieder zurück. Über einen Aluminiumrahmen spannt sich bei „Membrane“ ein exakt angepasstes Strickgewebe, eine elastische Netzstruktur, der Sitzpolster ist eingewebt: Materialtechnologie mit spürbarem Sitzkomfort-Effekt. Direkt aus der Hightech-Welt, von der sich andere Designer gerade ab­wenden, um zurückzuschauen, was es denn da in der Vergangenheit und in ihrem Handwerkswissen zu entdecken gibt.

Renommierte Designer klappern Werkstätten, Glashütten und Manufakturen vom Schwarz- bis in den Böhmerwald ab, um begeistert von der handwerklichen Hingabe zu berichten und mit neuem Material-Know-how in ihre Studios zurückzukehren. Die Möbelhersteller zelebrieren die Handwerkskunst eifrig mit, in ihren Stücken und in ihrer Kommunikation. Hubert hingegen streift lieber zwischen den Forschungsabteilungen der Unternehmen hin und her. „Das Expertenwissen kann von vor hundert Jahren kommen oder völlig neu sein. In jedem Fall handelt es sich um Wissen“. Und ihm sei es egal „ob die smarteste Lösung aus der Flugzeugindustrie kommt oder ein Polstermöbel von der Mode inspiriert war.“ Altes und neues Wissen. Hubert macht da keinen Unterschied. Hauptsache, es führt zu Lösungen. Wie etwa bei der Leuchte „Container“ für den Hersteller Ligne Roset. Zwei Keramikteile, ein Silikonband, das Fuß und Schirm zusammenhält – mehr braucht es manchmal nicht, um einen Komparativ zu produzieren. In diesem Fall, jenen vom Adjektiv „einfach“.

 

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