• Frido Hütter - Sechsfacher Österreichischer Kulturjournalist des Jahres

#4 Dezember 2014

Vom Größenwahn in der Staubwolke

Als ich aufwachte, begann sich das Laub herbstlich gelb zu färben. Eingeschlafen war ich nach dem Kontakt mit einer Eisplatte im Februar desselben Jahres. Trotzdem kam es mir nicht länger vor als eine einzige Nacht.“ Das hat vor vielen Jahren ein Journalistenkollege geschrieben, der nach einem glatteisbedingten Autounfall ins Koma gefallen war und erst nach acht Monaten wieder erwacht ist. Gott sei Dank war er kurze Zeit danach wieder ganz hergestellt. 

Mir ist damals bewusst geworden, wie fragil, unvollständig und subjektiv unsere Wahrnehmung von Zeit ist. Besser gesagt, von dem, was wir Zeit nennen. Was uns so unerbittlich zu verrinnen scheint. Dabei haben wir ein so zwergenhaft naives Modell gebaut, dass die Götter, so es sie gibt, darüber kichern würden.

Irgendwann soll es ja diesen Urknall, den Big Bang gegeben haben. In der Forschung gilt er als Geburtsstunde unseres Universums. Ich frage mich dann immer, was davor war und was da geknallt haben soll, von nichts kommt ja nichts, aber egal. Als Spätfolge dieses intergalaktischen Rummsers ziehen Planeten ihre Bahnen durch das Weltall, in Kreisen, Ellipsen und in was weiß ich noch welchen anderen Routen. Und das Ganze in einem unvorstellbar großen Raum. Zur Illustration: Die uns am nächsten gelegene Galaxie, die Andromeda, ist zweieinhalb Millionen Lichtjahre von der Erde entfernt. Dazu als Maßstab: Die Sonde Voyager fliegt seit 1977 mit rund 60.000 Stundenkilometern von der Erde weg und hat bisher knapp 20 Milliarden Kilometer zurückgelegt. Das sind etwa 18 Licht… – richtig geraten – …stunden! So viel zu Ausmaßen.

Raumkörper von der Größe der Erde sind intergalaktische Staubkörnchen. Eines davon, unsere Erde, hatte das Glück, um ein etwas größeres, bedeutend wärmeres Staubkörnchen gewirbelt zu werden und wirbelt immer noch. Um jenen Stern, den wir Sonne nennen, der uns einzigartig erscheint. Und es überhaupt nicht ist: Allein die Milchstraße, die wir mit freiem Auge ausmachen können, soll geschätzte 400 Milliarden Sonnenmassen haben. 

Wir wärmen uns an einer einzigen und nennen die Dauer einer Umkreisung einen Tag, dividieren daraus 24 Stunden, messen in ihnen – tick, tack – 3.600 Sekunden und bezeichnen das Ganze als Zeit. Größenwahn in der Staubwolke. Was wir Zeit nennen, hat außerhalb unseres Sonnensystems keinerlei Bedeutung. Vielleicht gibt es sie in unserem Sinne überhaupt nicht. Oder es existiert, was der Rampenphilosoph Konrad Paul Liessmann in einer hitzigen TV-Diskussion über die Schule
irrtümlich als „Fünfzigstundenminute“ daherhaspelte. 

Umso interessanter ist es, wie begierig die Menschheit darauf ist, diese Zeit zu messen. Na ja, nicht alle Menschen vielleicht. Ein afrikanisches Sprichwort sagt: Die Europäer haben die Uhr und die Afrikaner die Zeit. Dass diese Einstellung noch keinen zivilisatorischen und menschlichen Fortschritt mit sich bringt, ist ersichtlich. Aber tatsächlich sind auf der nördlichen Halbkugel ganz viele Menschen versessen aufs Zeitmessen. Nicht zuletzt Journale wie dieses sind ein Beleg dafür, welchen Stellenwert Uhren, besonders jene mit Armband, in unserer Gesellschaft haben. Permanent kommen neue Modelle mit neuem Design und neuen Versprechungen neuer Präzision auf den Markt. Als ob die Ganggenauigkeit von einer Sekunde in zehn Jahren auch nur irgend eine Rolle spielen könnte. Aber natürlich geht es darum nicht wirklich: Bestimmte Uhrenmodelle im Herrenbereich, speziell preislich und markenhistorisch aufgeladene Stücke, dienen vor allem der Repräsentanz. Sie sind quasi die Bentleys, Porsches und Ferraris, die man am Handgelenk tragen kann. Manche kosten auch gleich viel, doch davon gegen Schluss.

Ich gebe zu, stets auf eher schlichte Zeitmesser vertraut zu haben. Über dem Hauseingang des Gehöftes meines bäuerlichen Onkels war eine Sonnenuhr angebracht. Auf ihr konnte ich schon als Kleinkind ablesen, wann es Zeit fürs Mittagessen war. Und an bedeckten Tagen vertraute ich erfolgreich darauf, dass es dennoch etwas geben würde. Im heimatlichen Ort gab der Kirchturm samt Zwölfuhrläuten ein paar zeitliche Eckdaten her. Meine erste eigene Armbanduhr, eine Junghans Gracia, bekam ich mit Zehn, also vor 54 Jahren. Ein Dutzend Swatches und ein paar Citizens später habe ich sie immer noch und trage sie, wenn mir festlich zumute ist, mit einem Straußenleder-Armband. Nicht ungern habe ich auch Sanduhren, sie zeigen wirklich, wie unser Leben verrinnt. Im Großen und Ganzen habe ich eine passable Zeiteinschätzung und trage nur deshalb eine Uhr, weil ich stets fast manisch pünktlich sein will. Könnte ich sie mir leisten, hätte ich auch gegen ein schlichteres Modell der Marken Glashütte, A. Lange & Söhne, Patek Philippe oder Jaeger-LeCoultre nichts einzuwenden. 

Neulich stieß ich auf die Anzeige für die Parmigiani ToricTecnica Ombre Blanche, in der ein Preis von 548.000 Euro angegeben war. Und obwohl ich meinte, aufgrund von Alter und Erfahrungen vor billigem Staunen gefeit zu sein, blieb mir kurz der Mund offen. Eine halbe Million fürs Dividieren der Rotation eines Staubkörnchens um ein anderes??! Wie naiv ich in dieser Hinsicht bin, lehrte mich eine kurze Internet-Recherche. Vorbei an irgendwelchen diamantbeladenen Absurditäten gelangte ich an eine Liste solider Modelle, die jeweils mehr als diese halbe Million kosten. Allen voran die besonders schlicht gehaltene Patek Philippe Grand Complications – Edelstahl und Saphirglas um unglaubliche 1,4 Millionen Euro. 

Sofort sprang mein innerer Taschenrechner an. Um diese Summe könnte man ein schönes Haus in guter Lage (sagen wir 800.000 Euro) und einen Bentley Flying Spur (200.000) erwerben und dazu zwei Anzüge und eine Lederjacke von Brioni (20.000), drei paar Monk-Strap-Schuhe von Testoni (80.000) und ein kleineres gebrauchtes Riva-Boot (295.000) kaufen. Mit den restlichen 5.000 geht sich ein Abendessen mit Kärntner Albino-Kaviar, Roederer Cristal, einem Wagyu-Steak und einem Schluck Chateau Petrus gerade aus. 

Und statt all dessen eine Uhr??? Never ever! Laotse hat so hellsichtig gesagt: Die Zeit ist ein großer Lehrer, doch sie erschlägt ihre Schüler. Die einzige Uhr, für die ich viel Geld ausgeben würde wäre eine, mit der man die Zeit hin und wieder anhalten könnte. Für Augenblicke nur, aber doch. Eine Uhr, die ein bekanntes Sprichwort umkehren könnte: Geld ist Zeit. Die ist noch nicht erfunden. Und das ist wohl ein Glück. 

SHARE

Wissenwertes für Sie

Der junge Schweizer Designer Michel Charlot lässt gern den Inhalt die Form diktieren. Für Leuchten und Stühle benutzte er dafür zuletzt hauptsächlich Aluminium.

November 2014
Im Gespräch

Von l. nach r. Harald Jilg, Philipp Varga, Nicholas Perdula

November 2014
Im Gespräch
Oktober 2014
Im Gespräch