• Der junge Schweizer Designer Michel Charlot lässt gern den Inhalt die Form diktieren. Für Leuchten und Stühle benutzte er dafür zuletzt hauptsächlich Aluminium.

     

  • Die LED-Leuchtenfamilie „Karo“ steht für planerische Freiheit und gestalterische Einheit. Gemeinsames Merkmal ist der quadratische, flache Leuchtenkopf. www.belux.com

     

  • Beim „Davy Table“ griff Michel Charlot Designelemente des „Landi“-Stuhls auf – eines Entwurfs von Hans Coray aus den 1930er-Jahren – wie die Formung der Beine oder die typischen Fußgleiter. Das gestanzte Loch in der Tischplatte dient zur Aufnahme von Sonnenschirmen. www.vitra.com

     

#4 Dezember 2014

DAS INNERE NACH AUSSEN KEHREN

Sie haben im Studio von Jasper Morrison viele Erfahrungen sammeln können. Wie sehr beeinflusst einen jungen Designer die Arbeitsweise eines solchen Großmeisters des Designs? Neigt man da unbewusst zur Kopie?

Ich glaube, dass es prinzipiell nicht so etwas gibt wie radikal neue Ideen. Die meisten sind ja weiterentwickelte Kopien von Dingen, die schon existieren. Die Evolution springt ja auch nicht von der Steinzeit zur Waschmaschine. Verbesserungen vollziehen sich nun mal Schritt für Schritt. Natürlich habe ich viel gelernt bei Jasper Morrison. Aber selbst wenn ich bewusst dasselbe machen wollen würde wie er, ich könnte es gar nicht. Weil ich einfach eine andere Persönlichkeit bin. 

Beim Sammeln von Erfahrungen scheinen sich ja Handwerk und Design nicht ganz unähnlich zu sein: Man lernt potenziellen Sackgassen auf dem Weg zum Ziel früh genug auszuweichen …
Im Prinzip stimmt das. Im Design geht es ja hauptsächlich da­rum, zu den richtigen Zeitpunkten die richtigen Entscheidungen zu treffen. Da hilft natürlich die Erfahrung, mögliche Fehler im Vorfeld schon zu entdecken. Aber manchmal steckt man trotzdem blind mitten im Designprozess und inmitten unzähliger unsicherer Faktoren fest. Trotzdem geht es beim Handwerk hauptsächlich um das Machen. Und beim Design vor allem um das Treffen von Entscheidungen. Aber Erfahrungen? Das ganze Leben dreht sich doch um Erfahrungen. Ich glaube, dass Handwerk und Design zwei total verschiedene Welten sind. Industrial-Designer beweisen sich nicht unbedingt am besten, wenn sie mit Handwerkern zusammenarbeiten. Schließlich bleibt beim Handwerk immer eine gewisse Unbekannte, etwas Unvorhersagbares. Beim Indus­trial-Design versucht man aber gerade das im Vorfeld auszuschließen. Handwerker und Industrial-Designer arbeiten auch unter ganz anderen ökonomischen Bedingungen. 

Sie sprechen von Entscheidungen im Designprozess. Welche sind denn da die wichtigsten? 
Die nächste ist immer die wichtigste. Es ist ja wie im Leben. Nach jeder Abzweigung am Weg kommt schon die nächste Abzweigung, an der man sich wiederum entscheiden muss, ob rechts oder links. Wenn man sich etwa entschließt, den Weg mit Aluminium bis zum Ziel zu gehen, dann sind da schon gewisse Dinge am Ende vorprogrammiert, da gibt es dann kein Zurück mehr.

Doch wenn man am Weg zum finalen Produkt bemerkt, in eine Sackgasse zu laufen, dann muss auch der beste Designer ganz zurück an den Anfang? 
Die Sache ist natürlich die: Wenn man für einen Hersteller ein Produkt entwickelt, stecken da große Investments an Zeit und Geld drinnen. Jeder will die Sache auch möglichst schnell vo­ranbringen. Man versucht einfach, sich nicht in die falschen Abzweigungen zu verirren. Wenn ich etwa eine Tischleuchte designe, dann ist meine Herangehensweise die: Wie kann ich die Elemente, die man dafür braucht, auf das Notwendigste reduzieren? Denn dann gehen auch die Kosten zurück – für die Werkzeuge, für die Produktion. Aus dieser Prämisse entwickelt man die Gestaltungsidee. Und die kann natürlich auch im Material begründet sein. 

Sie sind noch jung, 30 Jahre. Denken Sie, dass es von Vorteil sein kann, in manchen Bereichen einfach noch gar nicht so viel Erfahrung zu haben? 
Bei mir ist es so: Ich bin auf nichts spezialisiert. Und das finde ich gut. Es ist immer das erste Mal, das ich an eine Sache herangehe. Der Nachteil daran, jung zu sein im Design, ist vielleicht, dass man manchmal zu optimistisch ist, dass die Dinge auch funktionieren werden. 

Sie haben für Belux das vielfach ausgezeichnete LED-System „U-Turn“ gestaltet. Warum endet die Gestaltung von Leuchten eigentlich meistens dort, wo das Kabel anfängt?
Aber gerade bei „U-Turn“ ist das gar nicht der Fall. Das Kabel ist dabei gleichzeitig auch die Hängevorrichtung, denn der Draht ist im Kabel integriert. Doch natürlich gibt es immer Dinge, die sich schwer gestalten lassen – den Stecker zum Beispiel. Da verwendet man meisten den Standard. Früher war das Design einer Leuchte überhaupt dazu da, vor allem das Leuchtmittel zu verstecken. Weil auch dieses standardisiert war. Damals kostete die Glühbirne vielleicht ein Prozent der ganzen Lampe. Heute mit der LED-Technologie kostet das Leuchtmittel dreißig Prozent des Ganzen. Das bedeutet: Für die Gestaltung des Restes bleiben nur noch 70 Prozent. Heute ist es eben viel schwieriger, Leuchten zu designen. 

Die LED-Leuchtenfamilie „Karo“ steht für planerische Freiheit und gestalterische Einheit. Gemeinsames Merkmal ist der quadratische, flache Leuchtenkopf. www.belux.com

Beim „Davy Table“ griff Michel Charlot Designelemente des „Landi“-Stuhls auf – eines Entwurfs von Hans Coray aus den 1930er-Jahren – wie die Formung der Beine oder die typischen Fußgleiter. Das gestanzte Loch in der Tischplatte dient zur Aufnahme von Sonnenschirmen. www.vitra.com

Die Entscheidung für Aluminium bei den LED-Leuchten – war das eine funktionale oder eine ästhetische? 
Man muss LEDs immer kühlen. Sie sind immer Flächen, die auf einer Seite Licht ausstrahlen und auf der anderen Wärme. Beim Designen geht es ja, wie ich schon gesagt habe, darum, die Anzahl der Elemente zu reduzieren. Bis nur noch Dinge übrig bleiben, die man unbedingt braucht. Dann beginnt man erst, sie zu gestalten. Die Kühlung ist notwendig. Darum haben wir sie gestaltet – aus Aluminium. Weil es gut Wärme leitet und weil es sich auch hochwertig anfühlt. Anstatt einfach eine hässliche Kühlvorrichtung zu lassen, die man dann erst recht wieder verdecken muss. Für mich ist dieser Ansatz immer am schlimmsten: Der Designer gestaltet die Form, übergibt sie dem Ingenieur und bittet ihn, alles einzubauen, was die Leuchte braucht. Aber mein Ansatz lautet: Wir gehen von dem aus, was wir unbedingt brauchen. Man könnte auch sagen: Designen von innen nach außen. Nicht umgekehrt. 

Das Leuchtendesign ist nicht nur für Designer eine Herausforderung. Auch für die Konsumenten. Weil sich die Technologie so rasant schnell zu verändern scheint. Wie empfinden Sie das als Designer? 
Wir befinden uns gerade in der Ära der LEDs. Und alle sechs Monate verbessert die Industrie diese Technologie. Sie verbrauchen immer weniger Energie, sie verbessern die Lichtfarbe und die Lichtstärke. Ich würde den Konsumenten empfehlen, Leuchten zu kaufen, die adaptierbar sind für mögliche Technologien, die da noch kommen. Eine Leuchte also, die man in der Zukunft technologisch updaten kann. 

Viele Konsumenten sind ja dank Apple-Produkten schon mit Aluminium sozialisiert worden. Für Vitra haben Sie auch einen Outdoor-Tisch aus Aluminium entworfen, das Modell „Davy“. Warum auch hier dieses Material? 
Das explizite Briefing war ja, einen Tisch passend zum „Landi“-Stuhl zu entwickeln. Einem Schweizer Designklassiker, einem Entwurf von Hans Coray aus den 1930er-Jahren. Und der war eben aus Aluminium. Das Material war also vorgegeben, aber natürlich eignet sich Aluminium ausgezeichnet als High-End- Outdoor-Material. Es ist widerstandsfähig, UV-Strahlen machen ihm auch nichts aus. Und natürlich ist da die Leichtigkeit. Das wissen auch die Kellner zu schätzen, die auf den Terrassen und Gastgärten die Möbel hin- und hertragen. 

Das Design des Outdoor-Bereichs von einigen Lokalen scheint ja manchmal zu wenig Aufmerksamkeit zu bekommen. Empfinden Sie das auch so? 
Bei mir ist es so: Wenn ich ein Restaurant sehe, dass von vorne bis hinten ausschließlich High-End-Möbel hineinstellt, dann werde ich skeptisch. Dann gehe ich erst gar nicht hinein. Da denke ich immer, dass sie irgendetwas kaschieren wollen, die Qualität der Küche vielleicht. Man geht doch überhaupt lieber in Lokale mit Patina und spezieller Atmosphäre. Ich finde es o.k., wenn das Lokal designt ist und es zum Betreiber oder Eigentümer passt. Aber ansonsten bevorzuge ich andere Lokale.

 

Michel Charlot

Nach seinem Abschluss in Industriedesign an der Ecole Cantonale d‘Art de Lausanne (ECAL) arbeitete der Schweizer Designer Michel Charlot (geb. 1984) für Jasper Morrison Ltd. in Paris, London und
Tokio. Im Jahr 2011 gründete er sein eigenes Designstudio in Basel und begann, für Unternehmen wie NAVA Design, Eternit, Camper oder Belux Produkte zu entwerfen. Mit Vitra arbeitet er seit 2013 zusammen. Neben anderen Designpreisen wurde der Schweizer im Jahr 2010 von Philippe Starck als einer von zehn Designern der „Generation 2020“ ausgezeichnet. Seit 2013 unterrichtet Michel Charlot Industriedesign an der ECAL und an der Tama Art University in Tokio.

 

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