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Dezember 2018

When you're in prison...

Die Inhaftierung von Kriminellen ist längst kein nebulöses Schattenfeld mehr, sie ist zu einer bedeutenden Industrie geworden, die nicht nur für Bereiche wie die Finanzwelt, Gastronomie und Telekommunikation zu einem wichtigen wirtschaftlichen Eckpfeiler geworden ist. Nein, auch Architekten, Designer und Bauherren profitieren längst von den Missetaten ihrer Mitmenschen. So zeichnen sich allein die USA für etwa 25 Prozent der gesamten weltweiten Gefängnisbevölkerung verantwortlich. Das sind ganze 2,3 Millionen Menschen - so viel wie Brüssel oder Neapel an Einwohnern haben! Und während jedes Jahr mehr Menschen eingesperrt werden, kommen im Gegenzug nicht mehr Inhaftierte frei, denn die Rückfallquote in Amerika ist mit rund 60 Prozent die höchste der Welt.

© KMD/HMC Architects

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Hier kann man argumentieren, dass das Problem der amerikanischen Gefängnisse mitunter nicht nur von der Rechtslage oder den exekutiven Kräften herrührt, sondern auch ein Designproblem ist: Die Einrichtungen sind normalerweise wie uneinnehmbare und ebenso unansehnliche Festungen gebaut - triste Monolithen in abgelegenen, ländlichen Gegenden, die mit Stacheldraht und hohen Mauern umgeben sind. Die Innenräume sind dem Zweck entsprechend widerstandsfähig konzipiert und bestehen aus harten, unnachgiebigen Materialien wie Beton, Linoleum oder Stahl, die den endlosen Lärm in den Gefängnissen gnadenlos reflektieren und die Belastungen sowohl der Insassen als auch der Mitarbeiter empfindlich erhöhen. Es gibt im Allgemeinen entweder zu viel oder zu wenig Licht - meist fluoreszierend und rund um die Uhr eingeschaltet - wodurch jeder zirkadiane Rhythmus nachhaltig gestört wird. Aus Sicherheits- und Kostengründen ist dieser Zugang zu natürlichem Licht jedoch natürlich ein extremer Luxus - denn Fenster sind teuer und ihre Größe bzw. ihr Standort bestimmen oft die schwächsten Sicherheitspunkte eines Gefängnisses. Und auch die typische Farbpalette im Innenbereich ist weniger ein stimmiges Gesamtkonzept als eine Studie über sensorische Deprivation - nur ein paar Schattierungen von eintönigem, seelenbrechendem Grün, Beige oder Grau.

So benötigte es tatsächlich nur eine einzige Nacht in einem amerikanischen Gefängnis, um Frank Gehry felsenfest davon zu überzeugen, im Frühjahr 2017 einen semesterlangen Kurs in Yale abzuhalten, der sich mit dem Design von Gefängnissen beschäftigte: Gehry ermutigte seine Studenten, die Inhaftierung als Chance für Rehabilitation - und nicht exklusiv Bestrafung - zu überdenken und begab sich mit ihnen nach Nordeuropa sowie Skandinavien, wo die Gefängnisse eher wie ein Universitätscampus als eine Festung wirken und funktionieren.

Natürlich kann das richtige Design viele der erwähnten Probleme lösen, aber zu oft richten sich die Auftraggeber von Gefängnissen - seien es Landkreise, Städte oder Staaten - an die private Gefängnisindustrie, die deutlich mehr auf Kosten, Sicherheit und Zweckmäßigkeit fixxiert ist als auch Menschlichkeit, geschweige denn Design.

Ein positives Beispiel in diesem Zusammenhang ist eines der ältesten und legendärsten Gefängnisse Amerikas - Riker's Island. Hier hat der Bürgermeister von New York City, Bill de Blasio, einen 10-Jahres-Plan in Höhe von 10,6 Milliarden US-Dollar gebilligt, um die Anzahl der Insassen radikal zu reduzieren und sie in Einrichtungen innerhalb der ganzen Stadt umzuverteilen, die nach neuen Designrichtlinien gebaut bzw umgebaut wurden. 

Viele Unternehmen, die an der Planung von Strafvollzugsanstalten arbeiten, beauftragen Analysten, um den Diskurs in Richtung von gefühlvolleren Lösungen zu verlagern: So beauftragte etwa RicciGreene Architects aus New York, ein bedeutendes Unternehmen auf dem Justizsektor, einen Kriminologen, um die Planung der Einrichtungen sinnvoll zu strategisieren. Bei der Unterbringung einer immer diverseren Gruppe von Insassen müssen die Architekten auch Aspekte wie Altern und Mobilitätsprobleme bedenken und für eine große Bevölkerungsschicht designen, die geistig und emotional beeinträchtigt ist. Das von RicciGreene ausgestattete Van Cise-Simonet-Internierungslager in der Innenstadt von Denver mit 1.500 Betten verfügt so etwa über ein Interieur mit Schachbrettmuster-Linoleum, hellgrünen Akzenten und roten Stühlen - eine willkommene Bestätigung, dass hier echte Menschen untergebracht sind, die noch nicht verurteilt sind.

Das wohl beste Beispiel für ein feinfühliges amerikanisches Gefängnisdesign ist die vom San Diego County in Auftrag gegebene Frauenhaftanstalt in Las Colinas, die von KMD/HMC Architects realisiert wurde: Der Komplex befindet sich auf einem 45 Hektar großen Campus und besticht mit einem normalisierten Umfeld, dass sowohl die Sozialisierung fördern als auch die physischen und psychischen Barrieren zwischen Insassen und Mitarbeitern minimieren soll. Tatsächlich sieht die Einrichtung den Universitätsgeländen sehr ähnlich, die sich Gehrys Studenten vorstellten: Die Böden sind innen von einem warmen Braun bestimmt und teils sogar spielerisch gemustert, grüne Akzentwände sorgen für Abwechslung in der Cafeteria. Un am wichtigsten: Zu den verwendeten Materialien zählen nicht nur Beton und Stahl, sondern auch Stein, Kork und Holz! Aufgrund des dezentralisierten Aufbaus der Einrichtung verfügen alle öffentlichen Bereiche zudem über große Fenster und viel Tageslicht - ein entscheidender Schritt in die richtige Richtung!

Die Antwort auf das amerikanische Gefängnis-Problem kann zur Gänze wohl nur durch eine Justizreform erreicht werden - die Gesetze, wegen denen so viele Menschen inhaftiert werden, müssen zugunsten von Urteilssprüchen überdacht werden, die eher auf Rehabilitation und Verantwortung denn auf reines Wegsperren abzielen. In diesem Zusammenhang haben große Architekturbüros bewiesen, dass ihre Expertenstimmen, die Art und Weise beeinflussen können, wie potentielle Kunden die Aufgabe des Inhaftierens von Menschen wahrnehmen - dennoch ist gutes Design hier nur die Spitze des Eisbergs!

www.hmcarchitects.com

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