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Dezember 2018

Urbaner Wald 2.0

2014 war auf einmal Schluss mit dem klassischen Dreiklang aus Beton, Stahl und Glas: In Mailand erklärten zwei Apartmenttürme die Natur zum Verbündeten und bevölkerten ihre Fassaden mit zahllosen Bäumen und Pflanzen! Entworfen wurde die Wolkenkratzer von den Mailänder Architekten Stefano Boeri, Gianandrea Barreca und Giovanni La Varra als Modell einer nachhaltigen, städtischen Verdichtung. „Bosco Verticale“ – senkrechter Wald – heißen die 119 und 87 Meter hohen Apartmenttürme und sind seit ihrer Vollendung vor vier Jahren kontantes Stadtgespräch! 

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Der Hauptgrund hierfür ist ein ganz einfacher und deswegen umso revolutionärer: Die beiden Gebäude werden von weit auskragenden Balkonen umringt, die nicht nur die Wohnzimmer über deckenhohe Schiebetüren hinaus ins Freie erweitern. Nein, sie dienen ebenso als Lebensraum für insgesamt 730 Bäume und 20.000 weitere Pflanzen, die sich als gestapelte Parklandschaft über die Dächer von Mailand erheben und einen bewussten Kontrapunkt zur Stahl- und Glas-Ästhetik darstellen „Wir wollten inmitten dieser Glastürme eine Art neues Manifest schaffen“, erklärt Stefano Boeri, der zusammen mit Gianandrea Barreca und Giovanni La Varra von Barrecaelavarra die begrünten Doppeltürme entworfen hat. Als Satellitprojekt der „Expo 2015“ sollte eine alternative Spielart urbaner Verdichtung erprobt werden, die nicht nur ihren zukünftigen Bewohnern einen Mehrwert bietet, sondern ebenso der Stadt.

Als Inspiration für sein ambitioniertes Projekt nannte Boeri verschiedene Quellen: "Mich hat ein Roman des italienischen Schriftstellers Italo Calvino sehr beeindruckt. In seinem Buch "Der Baron auf den Bäumen" geht es um einen Mann, der eines Tages beschließt, den Boden zu verlassen, um auf Bäumen zu leben. Ich erinnere mich auch an Joseph Beuys, der 1982 auf der Documenta in Kassel 7000 Basaltsteine verkaufte, für die er dann jeweils eine Eiche in der Stadt anpflanzte und so den Stadtraum mit Bäumen veränderte. Die stärkste Inspiration kam aber von Friedensreich Hundertwasser, den ich 1973 bei der Triennale in Mailand sah, wo er mit einem riesigen Baum in der Hand durch die Straßen ging. Dieses Bild hat mich sehr geprägt."

So ungewöhnlich die Planung zunächst anmutet, die Vorteile lebendiger Fassaden liegen auf der Hand: Die Pflanzen absorbieren Sonnenlicht, Staub und Straßenlärm und sorgen für ein angenehmes Mikroklima auf den Balkonen und in den Wohnräumen. Auch vermag die Architektur hierdurch ihren gewohnten Duktus hinter sich zu lassen und statt klar definierter Linien bewusst „unscharfe“ Silhouetten anzunehmen. Insgesamt 20 Baum- und 80 Pflanzenarten wurden von der Botanikerin Laura Gatti für das Projekt ausgewählt und wie dreidimensionale Bilder über die einzelnen Fassadenseiten verteilt. Ihre Anordnung folgt einer eigenen Choreografie, die dafür sorgt, dass mit dem Wandel der Jahreszeiten immer wieder gelbe, rote oder andersfarbige Punkte aus dem grünen Meer hervorstechen.

Knapp ein Jahr hat die Platzierung der Bäume mithilfe von Kränen in luftiger Höhe bisher beansprucht. Die noch fehlenden Exemplare sollen mitsamt der übrigen Vegetation noch in diesem Herbst gepflanzt werden. Das Spannende hierbei: Obwohl sämtliche Wohnungen als Privateigentum verkauft werden sollen, verbleiben die Pflanzen im Besitz der Hausgemeinschaft. „Sie sind ein geteiltes Gut, von dem alle Bewohner gleichermaßen profitieren“, sagt Gianandrea Barreca.

Die grünen Fassaden der insgesamt 27 Stockwerke grenzen sich bewusst von der üblichen Hochhaus-Ästhetik ab und schaffen eine willkommene Alternative zu den grauen Betonwüsten des innerstädtischen Lebens. Geht es nach der Mailänder Verwaltung sind die beiden 70 Millionen Euro teuren Gebäude der Anfang für einen Grüngürtel namens BioMilano, der rund 60 verlassene landwirtschaftlicher Betriebe als gemeinschaftlich nutzbare Flächen revitalisieren soll. Hoffentlich etabliert sich diese Variante der Hochhaus-Architektur im Lauf der kommenden Jahre als neuer Standard - denn der Natur (und auch dem Menschen) kann diese biodiverse Art des Hausbaus nur förderlich sein. 

 

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